Kiel, 16. Juni 2012, Kieler Woche

„Bob spielt auf der Kieler Woche! Das ist doch schön! Weil mitten im Sommer, weil schön in der Nähe von Hamburg und weil die Kieler Woche eh immer eine nette Veranstaltung ist“ , schreibt Corinna später im Zusammenhang mit unserem zweiten Geldof-Konzert in diesem Jahr. Ich bin tatsächlich vorher noch nie auf der Kieler Woche gewesen. Diese Lücke muss eindeutig gefüllt werden.

Start ist an diesem Samstag in Hamburg. Corinna sammelt mich mit ihrem Auto ein und wir schaukeln gemütlich Richtung Norden. Ohne Stadtplan finden wir in Kiel das Rathaus, vor dem die heutige Musikveranstaltung stattfindet. Wir sind früh dran und deshalb gibt es mitten in der Innenstadt sogar noch einen kostenlosen Parkplatz für uns.

Um die direkt vor dem Rathaus aufgebaute Bühne herum gibt es diverse internationale Fressbuden und –zelte. Das Angebot unterscheidet sich wohltuend vom üblichen Chinapfanne-Crèpe-Einerlei, weshalb es sich hier sehr gemütlich den Abend abwarten lässt. Das türkische Zelt und der italienische Stand bieten Schutz vor immer mal wieder niedergehenden Regenschauern. Es regnet sich sozusagen schonmal ein, aber das wissen wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht! Ein Teil der Band taucht auf, macht Soundcheck und verschwindet wieder. Wir stellen uns abwechselnd unter und drehen noch eine Runde über den Markt. Den einzigen Kaffee im weiterer Umgebung gibt es bei McDonalds. Naja. Wir klönen mit der Verkäuferin über Bubble Tea, den sie seit Neuestem im Angebot haben.

Mit der heutigen Veranstaltung wird auch die ganze diesjährige Kieler Woche eröffnet. Teil der Eröffnungszeremonie mit Schiffshorn und Glocke ist auch ein Auftritt des vor ein paar Tagen gewählten neuen schleswig-holsteinischen Ministerpräsidenten Torsten Albig. Im Laufe des Nachmittags ist der Platz vor dem Rathaus richtig voll geworden. Viele Kieler sind gekommen, um ihren neuen Ministerpräsidenten zu begucken. Von dessen Eröffnungsrede bekommen wir allerdings nicht viel mit – Tonprobleme, der Sound ist viel zu leise. Wir schieben uns durchs Gedränge auf die andere Seite der Bühne. Total voll hier! Auch nach Beginn des Konzerts.

Open Airs im Regen sind ja so eine Sache: Sie können richtig nerven. Vor allem die Schirme, die die Sicht versperren, deren Speichen die Umstehenden bedrohen und schlicht das ganze Wasser im Nacken und in den Schuhen… Und dieses Konzert bleibt mir trotz Regen als wunderschön in Erinnerung. Vielleicht auch gerade wegen des Regens! Ein Konzert für alle Sinneskanäle: Für Ohren und Augen, für das Gefühl von Regen im Gesicht und auf den Schultern, nassen Haaren und Händen. Vermutlich sogar für die Nase!

Dabei fängt alles recht trocken an. Ich glaube, dass bei Walking back to Happiness sogar die Sonne durchkommt! Dann setzt aber wieder ein leichter Nieselpiesel ein, der sich schön einregnet und das Publikum so richtig durchweicht. Die Kieler wirken so, als wären sie Regen gewohnt und sind entsprechend gut ausgerüstet. Mir gelingen ein paar lustige Fotos unter einem schottisch karierten Regenschirm hindurch.

Bob macht seine gewohnte Band-Vorstellung. „He’s from Newcastle“, „this guy’s from Sheffield, Vince over there is from Zimbabwe (hier funktioniert der Witz wie gewohnt), „and the rest of us are Irish“. Heute muss er aber auf die schlechten Ergebnisse der Briten und Iren in der Fußball-EM anspielen. „So we’re great at making music. You’re great at football.“ Begeistertes Gelächter vom Publikum – sowas lassen sich die Deutschen dann doch gern gefallen!

Herausragend ist für mich wieder einmal Walking back to Happiness. Das ist der Song, an dem ich für gewöhnlich spätestens ganz „dabei“ bin. Hier in Kiel passt das aber auch so gut! Davor kommt noch das tolle neue Systematic Six pack.

Die Setlist weicht nicht stark ab von der aus der Vicar Street:

Great song of Indifference
A Sex Thing
Systematic six pack
Dazzled by you
When the night comes
Walking back to Happiness
Banana Republic
Harvest Moon
Scream in vain
One for me
I don’t like Mondays
Joey
Mary of the fourth form
Rat Trap
Here’s to you
Silly Pretty Thing
Diamond Smiles
The Return of Indifference

Im bluesigen Mittelteil von Mary, in das die Band immer I wanna be your man von den Beatles und Boom boom von John Lee Hooker einbaut, improvisiert Bob wie immer den Text. Heute singt er irgendwas von Segelbooten und Salzwasser. Irgendwann werde ich dahinterkommen, welches Lied es ist, dessen Text Bob hier je nach Auftrittsort variiert…

Anders als in Dublin spielen sie leider nicht How I roll. Ob wir Young and Sober hören, habe ich vergessen – ich glaube eher nicht, habe es aber nicht entsprechend vermerkt. Tja.

Auffällig ist übrigens die große Videoleinwand mittig hinter der Bühne. Ich weiß, dass Bands von Kameras auf der Bühne auch ziemlich genervt sein können. Die Bilder, die dieses dreiköpfige Team hier macht, sind jedenfalls phantastisch. Mehrmals ertappe ich mich, wie ich lieber die Leinwand angucke als durch die Regenschirme auf die Bühne selbst! Total cool, denn das Team filmt nicht nur Bob, der ja durchaus auch mal langweilig mit geschlossenen Augen oder hinter seinen Haaren versteckt singt, sondern auch im richtigen Moment andere Bandmitglieder, auch Alan, Niall und Jim, die sonst nicht gut zu sehen sind.

Irgendwann gegen Mitte des Konzerts dreht sich Bob nach hinten um und gibt Niall ein Zeichen. Dieser kommt mit einem großen Schild nach vorne, auf dem „You and me in paradise“ steht. Mit einem schelmischen Grinsen hält er es ins Publikum. Ein Heiratsantrag oder sowas in der Art, den er übermitteln soll? Auf der Rückseite steht allerdings irgendwas wie „Think twice“ – nicht so ganz angemessen für eine romantische Liebeserklärung. Später erfahren wir, dass es sich um Equipment der folgenden Band gehandelt hat, das schon auf der Bühne war. Sie haben sich einen Spaß draus gemacht, es schonmal zu präsentieren.

Dass die Stimmung auf der Bühne gut ist, dafür sorgt bestimmt auch das Publikum. Hier haben trotz des Regens alle Spaß und es ist ein rundum gelungenes Konzert. Einzige Ausnahme ist vielleicht der Sound. Aber der muss ja schon eklatant schlecht sein, damit es wirklich negativ auffällt.

Das Konzert wird zum Ende hin immer noch besser – quasi exponential steigend mit dem Wasser, das vom Himmel kommt. Inzwischen ist das ganze Publikum gut nass, der Regen, der zwischendurch ein wenig nachgelassen hat, wird jetzt wieder stärker. Egal, jetzt will gerade so oder so niemand gehen. Nach dem „offiziellen“ Teil des Sets kommt als erste Zugabe Here’s to you, was ja ein ziemliches Schunkellied und manchmal fast ein bisschen kitschig ist, aber der Text ist super und heute auch superpassend – „let it rain, let it rain!!“ Jaha, das tut es! Und wir singen mit. Es folgt Silly Pretty Thing , die erste Single vom letzten Album, nicht zu Unrecht als „Guilty Pleasure“ bezeichnet. Genau das ist es, mit allen Happy-Zutaten, die es gibt, und der Text ist so quietsche-schön, dass es einfach nur ernstgemeint sein kann: „Oh I know there’s some out there who’ll always say we’re simply being naive. But we believe in all that stuff like love and gentleness and peace, so today’s the day we’re going to come out and declare our victory! Just you and me and that… silly pretty little thing!” Wie schön!

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